Festspiel 2011: Ab mit den Klischees in die Donau

Montag, 27. Juni 2011

Straubinger Tagblatt, 27.06.2011, von Monika Schneider-Stranninger

 

Wir Straubinger sind halt so. Agnes Bernauer? Von der Geschichte weiß jeder wenigstens, dass die Augsburger Baderstochter Agnes Bernauer in Straubing irgendwann im finsteren Mittelalter in der Donau ertränkt wurde. Die Agnes-Bernauer-Torte kennt sowieso jeder. Und die Festspiele haben viele schon gesehen, auch wenn es manchmal 20 Jahre her ist. Jeder hat so seine Klischees im Kopf. Zugegeben, meist sind es liebliche. Nichts hält sich länger als Klischees, sagt Festspielvereinsvorsitzender Dr. Hubert Fischer. Und recht hat er.

Hat die Inszenierung 1995/1999/2003 und 2007, Reitmeiers bunter praller Bilderbogen über die Bernauerin, schon Klischees über Bord und in die Donau geworfen, hat die Neuinszenierung 2011, eine Welturaufführung mit neuem Text, neuer Kulisse und teils neuen Figuren, das noch mal getan und zwar durchdacht gründlich. Weg ist er der Bilderbogen – in der Schublade, um später vielleicht im Wechsel mit der Neufassung inszeniert zu werden. Wer weiß. Die Inszenierung 2011 jedenfalls fordert den Zuschauer von der ersten Minute an, denn Johannes Reitmeier hat das Geschehen auf den Kopf gestellt. Statt erwartetem Liebesgeplänkel wird gleich über Agnes zu Gericht gesessen. Am Anfang jedes der zwölf Bilder. Und dann wird jeweils auf Leben und Liebe und Tragik der Agnes zurückgeblendet. Da sind sie dann, die Bilder vom prallen Mittelalter, vom Volk, von kämpfenden Rittern, von mittelalterlichen Tänzen und kulinarischer Völlerei und vom leichtgeschürzten Getümmel in der Badestube. Herrlich dichte Szenen, minutiös choreographiert.

Was der Zuschauer 2011 bekommt, ist mehr Theater denn je. Traumhafte Kostüme. Opulenz. Musik und Tanz. Ein Wiedersehen mit liebgewordenen Festspiel-Gesichtern und -stimmen und ein Kennenlernen neuer Talente. Mehr Schauspiel. Mehr Aktion. Mehr Charakterstudien. Und Einblicke ins Gesellschaftssystem. Da kehrt Agnes in die Badstube zurück, stößt auf Ablehnung. Sie trifft Albrechts Schwester Beatrix, wird von ihr brüskiert. Agnes Eindringen in einen so sehr über ihr stehenden Stand ist ungeheuerlich. In einem gesellschaftlich statischen System kann das nie gut gehen und Beatrix kann gar nicht anders handeln. Und irgendwann muss Agnes’ Illusion platzen, denn für eine Mette Marit waren Volk und Adel erst sechs Jahrhunderte später reif.

Das Ende ist unausweichlich und könnte nie ein Happy End sein. Da ist es nur logisch, dass das ganze Stück auf einer Bühne (Mathias Bartoszewski) spielt, auf deren publikumsfreundlich schräger Fläche die Grabplatte der Agnes prangt. Die Kulisse wirkt wie eine Trutzburg, in die keine Aufnahme und aus der kein Entkommen ist. Wenngleich: Ein bisschen darf man dem Bilderbogen nachtrauern, wo der Schlosshof viel mehr selber natürliche Kulisse war.

Die Akteure sind brillant, und längst nicht nur die in den Hauptrollen. Johannes Reitmeier und Roger Boggasch haben alles aus ihnen herausgekitzelt. Agnes (Freya Hupf) eine selbstbewusste schöne Frau, Albrecht (Franz Aichinger) machtbewusst, rebellisch. Er macht in der Ritterrüstung eine ebenso gute Figur wie in der Auseinandersetzung mit dem fast gebrechlichen, politisch schwer belasteten Herzog Ernst (Dr. Hubert Fischer). Sabine Hilmer (Gräfin Waldeck) verkörpert überzeugend Sanftmut und Loyalität. Claudia Griessl sorgt mit der Intensität ihrer rhetorisch und mimisch giftspritzenden Beatrix für Gänsehaut.

Bei all der Sorge um den Fortbestand der Dynastie ist es nur logisch, den drohenden Machtverlust als dramatisches Moment zu verstärken durch Einführung neuer Figuren, den Bruder Wilhelm von Bayern-München (Willi Lüdeking), dessen Frau Margarethe von Cleve (Anna Lummer) und ihres schwächlichen Nachkommen Adolf. Mehr Dramatik auch auf der anderen Seite: Agnes hat 2011 eine Schwester (Carmen Hartmannsgruber), die beeindruckend deren Anmaßung geißelt und einen Vater (Alfred Jurgasch), der ihr Ende ahnt.

Wer sich bei jedem beliebt machen will, wird irgendwann beliebig, sagt Dr. Hubert Fischer. Beliebig ist das Festspiel 2011 nicht. Es polarisiert. Wie gesagt, wir alle haben Klischees im Kopf. Es ist eine rundum grandiose Leistung, die der Festspielverein abgeliefert hat. Und einen Riesenanreiz hinzugehen, um ein paar Festspiel-Klischees mehr in die Donau zu werfen. Noch gibt es Karten.

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