Gänsehaut sieht man bis in die siebte Reihe

Freitag, 8. Juli 2011

Gänsehaut sieht man bis in die siebte Reihe

Straubinger Tagblatt, 08.07.2011, von Monika Schneider-Stranninger

Bild: Ulli Scharrer

Wie 30 Straubinger ein Augsburger Badhaus beim Festspiel zu frivolem Leben erwecken

Von M. Schneider-Stranninger.
Die Badstube zu Augsburg sorgt in jeder Agnes-Bernauer-Festspielsaison für Gesprächsstoff, denn mit Stoff, sprich Textilien, wird in dieser Szene zumindest bei den Männern sparsam umgegangen. Nebenbei haben die gut 30 Mitwirkenden der beiden Badhaus-Szenen alle Sympathien des Publikums, vor allem bei Eiseskälte, von der diese Festspiele mehr als genug abbekommen haben. „Unsere Gänsehaut sieht man bestimmt bis in die siebte Zuschauerreihe“, sagt Carmen Hartmannsgruber, die Agnes von 2007, und lacht. Sie spielt Regina, die Schwester der Bernauerin, eine erst in der Neuinszenierung eingeführte Figur.

„Geschlossene Badegesellschaft“, ruft einer aus der Gruppe und ein Adliger trollt sich gleich wieder angesichts der Übermacht. Rund 30 Badegäste und -mägde sitzen im Stüberl des Wappensaals und erzählen aus dem Nähkästchen oder vielmehr aus dem Badezuber. Wie man es aushält bei gefühlten null Grad leicht geschürzt auf der Bühne zu stehen? „Ganz einfach, in diese Szene schaffen es nur harte Männer“, grinsen ein paar Badegäste. Tatsächlich lässt es sich aber nur keiner anmerken, wenn insgeheim die Zähne klappern. „Beim Spielen spürt man die Kälte nicht“, versichert Carmen Hartmannsgruber. Vielleicht dank eines Kuriosums am Rande: In dieser Badstube gibt es kaum einen Tropfen Wasser. Nur gegen einen allzu anzüglichen Badegast wehrt sich Regina Bernauer mit Wut und einem kalten Guss Wasser.

Man sollte sich nicht täuschen, verraten die Badenden. Wenn es richtig heiß ist, hole man sich barfuß auf der Bühne Brandblasen. „Drum tanzen wir manchmal so schnell“, flachst eine Bademagd. Bei Regen dafür gemächlicher, denn da besteht Rutschgefahr. Aber seit auf der Bühne das Holz Metall gewichen ist, „zieht man sich als Barfußläufer keinen Schiefing mehr rein.“

Badezuber in der Kapelle

In der Schlosskapelle warten die hölzernen Badezuber auf ihren Einsatz. Die Bühnenakteure schleppen sie herein und nehmen sie nach ihrem Auftritt gleich wieder mit. Hinter der Kulisse sind Badeschlappen und wärmende Pullis deponiert. Die 30 spielen keine gut gelaunte Gemeinschaft, sie sind eine. Zugegeben, das erste mal so leicht geschürzt auf die Bühne zu gehen, koste schon Überwindung, sagt einer. Bodymaßindexe sind jedoch kein Thema. Es geht schließlich um keinen Modell-Contest, sondern um das pralle Menschenleben im Mittelalter. Direkt ins Publikum zu schauen, verbeißen sie sich. Regieanweisung. Aber in der Liebesszene von Agnes und Albrecht in der Badstube kriegen sie vom Hintergrund aus doch einiges mit. „Am schönsten ist, wenn das Publikum dann ganz schmachtend schaut“, sagt eine Bademagd mit einem Seufzer Rührung.

Begrüßt wird reihum der neue Stellenwert der beiden Badeszenen. Mit Einführung der Schwester von Agnes und ihres Vaters komme ein Bruch in die ausgelassene Szenerie, sagt Alfred Jurgasch, der den Badeknecht Kaspar Bernauer mimt. Mehr Charakter hätten diese Szenen. Ganz hinterfotzig, ernst – Enttäuschung und Abrechnung. „Mancher träumt sein Leben lang davon, einmal im Zuber zu sitzen“, sagt Karl Fuchs, der in allen Inszenierungen aus der Reitmeier’schen Feder auch einen Badegast mimte. Wenn Marille Dietrich, die die Baderin spielt, versichert, „wir sind ein anständiges Badehaus“, hegen die Gäste da so ihre Zweifel. Schließlich hat Regisseur Johannes Reitmeier nicht ohne Grund mit einem Augenzwinkern nach „mehr Sex“ und „viel Fleisch“ gerufen. Für die dem Klischee entsprechende Prise Frivolität sorgen die leicht bekleideten Männer, die ausgelassen mit hübschen Bademägden schäkern. „Am Anfang haben wir ein bisschen gefremdelt“, sagt einer, aber jetzt hätten sich alle freigespielt. „Jetzt sind wir nicht mehr so gschamig.“

Keine Tatoos im Mittelalter

Verinnerlicht haben alle, Verräterisches anno 2011 von der Bühne zu verbannen. Neben Brillen und Armbanduhren zählen in der Badestube auch Piercings und Tatoos dazu. „Camouflage“ heißt das Zauberwort. Petra Peschke, gelernte Kosmetikerin und Bademagd, hat ihre Mitspieler angelernt, Tatoos unter einer Schicht Schminke verschwinden zu lassen. Manche Akteure wechseln während der zwölf Bilder ihren gesellschaftlichen Status gleich mehrfach. Das schlichte Badehemd tauscht zum Beispiel Anna Lummer mit der noblen Adels-Robe der Margarethe von Cleve und Petra Peschke mit dem feinen Tuch einer Hofdame. Und auch einige der Männer schlüpfen noch in andere Rollen. „Es gibt nichts Schlimmeres als mit nassen Beinen in eine Strumpfhose schlüpfen zu müssen“, sagt einer. Noch schlimmer seien „die eiskalten Händchen“ der Bademägde. Deshalb hat ein Badegast einen Taschenwärmer hinter der Bühne deponiert, wie man ihn beim Eishockey gerne dabei hat.

Kurz vor 20 Uhr. Spielerbesprechung. Die geschlossene Bade-Gesellschaft muss sich auflösen. „Ich gebe eine Runde aus“, sagt eine Bademagd und stellt eine Tupper-Schüssel mit kleinen Brausebeuteln auf den Tisch: „Cevitt Direct“ zur Steigerung der Abwehrkräfte.

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