„Jedermann“ in Cinemascope-Format

Dienstag, 13. Juni 2017

„Jedermann“ in Cinemascope-Format

Für Andreas Wiedermann ist „Der Bayrische Jedermann“ kein Neuland. Er hat „das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ nach dem Mysterienspiel von Hugo von Hofmannsthal, ins Bayerische übertragen von Oskar Weber, vor einigen Jahren schon einmal inszeniert – im oberbayerischen Neubeuern. Neuland ist „Der Bayrische Jedermann“ allerdings für den Agnes-Bernauer-Festspielverein, der sich in der über 80-jährigen Festspiel-Geschichte zwar schon mehrfach an Orffs „Bernauerin“ gemacht hat, aber mit seiner Produktion zwischen den Festspieljahren erstmals an einen Stoff, der nichts mit Agnes zu tun hat. „Wir können uns mal von einer ganz anderen Seite zeigen. Das ist schön und spannend“, versichert Spielersprecherin Claudia Griessl. Und Andreas Wiedermann findet das alles andere als selbstverständlich: Ein Experiment für ein „Traditionsunternehmen“.

Zum Einsatz kommen Kostüme aus dem Fundus (aber nicht nur), der gewohnte Schauplatz im Hof des Herzogschlosses und die Spielfreude von fast 80 Vereinsmitgliedern auf der Bühne. Wiedermann hat einige Rollen mehrfach besetzt. „Die sogenannten ‚Werke’ tragen den Plural schon im Namen“, sagt er. Und der „Glaube“ wird in dieser Version als Schwesternkonvent dargestellt. Das macht in seinen Augen „die oft etwas ermüdende Monologstruktur des Mysterienspiels dynamischer“. Das Stück wird auf allen Ebenen der Reitertreppe gespielt, was Erde, Himmel und Hölle sehr entgegenkomme, und auf der kompletten Breite ebenerdig, in „Cinemascope-Format“, beschreibt das Andreas Wiedermann. Auch den Zuschauern rechts und links der Mitte verspricht der Regisseur deshalb „ein ganz besonderes szenisches Erleben“. Für ihn ist die Reitertreppe „der vielleicht schönste Spielort der ganzen Stadt“. Weil die Aufführung sehr präzise auf diesen Ort abgestimmt ist, wird es bei Regen auch keine Ausweichspielstätte, sondern nur Ersatztermine geben. „Wir hoffen auf ein Einsehen der Bühnengötter“, sagt Wiedermann. Die Proben im Schlosshof sind in vollem Gang. Ein bisschen Regen bringt dort keinen aus der Fassung. Wir haben den Akteuren über die Schulter geschaut.

Blick auf die Wetter-App

Über dem Schloss bäumen sich graue Regenwolken. Ein kurzer prüfender Blick auf die Wetter-App auf dem Smartphone. Es soll noch einige Zeit halten, meint Claudia Griessl. Vorsichtshalber postiert sie sich mit Anna Lummer, der Agnes der Festspiele 2015, unter einem eigens aufgestellten Pavillon im Hof an der Reitertreppe. Die beiden sitzen auf einer Bierbank und notieren aufmerksam alle Regieanweisungen von Andreas Wiedermann.

Zum Warmlaufen gibt es eine Leseprobe. Nicht nur an der Betonung, auch am lautmalerischen Bayerisch von Oskar Webers Übertragung wird dabei gefeilt. Authentisch soll es sich anhören.

Der Tod mit Regenschirm

Dann legen die für heute Abend einbestellten Akteure – Jedermann, Knechte, Tod und Mammon – los. Alfred Jurgasch steht oben im Hof, schaut über den Sims. In schwarzem Anzug, schwarzem Hut, weißem Hemd, schwarzer Krawatte. Er spielt den Tod und wird die Knechte des Jedermann gleich durch seine Präsenz gewaltig aus der Fassung bringen. Den Gänsehautmoment mildert in der Probe nur sein roter Regenschirm, denn dem Tod geht´s an diesem Abend ganz schön nass nei. Franz Aichinger spielt die Titelrolle, er streitet sich theatralisch mit Ben Gröschl und Martina Chavez-Weiß, die plakativ golden gewandet den Mammon personifizieren. Es geht um das alte Lied: Das letzte Hemd hat keine Taschen und jedermann muss Protz und Prunk verlassen, wenn sein letztes Stündlein schlägt. Auch der Jedermann. Hat eigentlich der Bayer eine eigene Sicht auf den Tod? Auf den Tod vielleicht nicht, meint Andreas Wiedermann, aber sicher auf Gnade und Erlösung, im „Jedermann“ ein zentrales Thema. Seine brutale Egozentrik werde ihm, nachdem er durch sein Tal der Tränen gegangen ist, vergeben. In seiner barocken Lebensart sei Jedermann „ein eher südlicher, anti-puritanischer Charakter, weil er natürlich genau weiß: Wer früher stirbt, ist länger tot“.

Körpereinsatz gefragt

Körpereinsatz ist gefragt – nicht nur für den Jedermann. Am Regietisch notieren sich die Fundusverwalterinnen Astrid Hiergeist und Denise Winklmaier, dass man da sicher noch schwarze Ersatz(männer-)strumpfhosen braucht. Regisseur Andreas Wiedermann unterbricht und spricht mit den drei Akteuren. Neue Tipps, neue Anweisungen. Neuer Versuch. Auch wenn es keine Klappe wie beim Film gibt, die Szene wird noch ein paarmal wiederholt, um jede Nuance gerungen. Das Technik-Team schleppt in der Zwischenzeit wunschgemäß eine Truhe aus dem Fundus an der Fürstenstraße herbei.

Es regnet jetzt und das nicht zu knapp. „Man kann schon noch spielen“, sagt Franz Aichinger, der als Albrecht der regenreichen Festspiele 2011 zwangsläufig Gelassenheit entwickelt hat. Ändern kann man es ohnehin nicht. Ihn trifft der Regen aber heute gleich doppelt, denn zeitgleich, während er trotzig am Mammon festhalten will, findet in Haibach das von ihm inszenierte Freilichtspiel „Das Geheimnis des Gauklers“ statt. Zwischendurch zeigt sich der Regen gnädig, aber nicht die Mücken, die jetzt zum Angriff ausschwärmen. Die Festspieltruppe ist auch dafür gewappnet: In den gut gefüllten Für-alle-Fälle-Körben, die Claudia Griessl, Anna Lummer und Souffleurin Petra Neuberger dabei haben, ist auch Mückenspray vertreten. Neben Salzstangen, Regenjacken, Sonnenbrillen und dem handlichen Lautsprecher fürs Smartphone, aus dem für die Probe stilbrechend Rockmusik schallt. „Wenn das die Leute hören, die den Jedermann schon mal gesehen haben…“, flachst Alfred Jurgasch gespielt entrüstet. Diese Inszenierung hat einiges an Überraschungseffekten zu bieten. Ein Vorgeschmack.

Kurz vor 22 Uhr ist Schluss für heute. Franz Aichinger eilt zu seinem Premieren-Ensemble nach Haibach. Noch pünktlich zum Applaus. Um vier Seiten hat sich diese zweieinhalbstündige Abendprobe gedreht. Vier von 78. Bis zur Premiere am 14. Juli sind fast täglich Probentermine angesetzt, nach einem ausgeklügelten System abwechselnd und unterschiedlich intensiv für einzelne Gruppen des fast 80-köpfigen Bühnenensembles – samt Seitenangaben der Textvorlage.

Annähern und verdrängen

Das Ensemble nähert sich dem ungewohnten Stoff an. Andreas Wiedermann verdrängt dagegen erst mal seine Erstinszenierung – für einen unverstellten Blick auf das Stück. Aber, sagt er, bei einer völlig anderen Raumkonstellation, einer anderen Spielzeitebene und einem anderen Ensemble falle die Neuorientierung gar nicht so schwer. „Im Gegenteil, man entdeckt noch Momente, die man zunächst überlesen hat.“

Fern der Mozartkugel

Jedermann – da denkt jeder an Salzburg. Erst mal. Weckt das Ehrgeiz? Widerstand? Oder ist das ein riesiger Ballast? „In Salzburg ist der ‚Jedermann’ das wichtigste Marketing-Element der Festspiele“, sagt der Regisseur, der in Salzburg studiert hat. „Jedermann und die Mozartkugel…“. So schön das Domplatzambiente in Salzburg sei, der Zwang, jedes Jahr originelle Lösungen für den immer gleichen Stoff finden zu müssen, stelle jeden Regisseur dort vor erhebliche Schwierigkeiten. Wiedermanns Ansicht nach ist dieser Text „eine große, einfache – aber keineswegs simple – szenische Anordnung“. „Der Tod überfällt uns, wir sind nicht bereit für ihn, verdrängen ihn aus unserem Bewusstsein und lernen, dass alles, was uns an materiellen Gütern wichtig war, eitles Spielzeug ist. Nur die Erinnerung der Hinterbliebenen an unsere ‚Werke’ zählt. Eine ewige, schöne Parabel, die in jede Gesellschaft passt, dafür muss ich nicht unbedingt nur nach Salzburg fahren.“

Info

„Der Bayrische Jedermann“ des Agnes-Bernauer-Festspielvereins hat am Freitag, 14. Juli, 21 Uhr, Premiere. Es folgen bis 29. Juli (jeweils Freitag, Samstag, Sonntag, Mittwoch) neun weitere Aufführungen im Hof des Herzogschlosses an der Reitertreppe (Zugang über die Donau-Uferpromenade). Karten gibt es unter anderem im Vorverkauf beim Leserservice des Straubinger Tagblatts, Telefon 09421/940 6700 und online unter www.okticket.de.

Von M. Schneider-Stranninger

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